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Traumjobs am Kawah Ijen: Die Schattenseiten des Vulkans

„Traumjobs“ am Kawah Ijen: Die Schattenseiten des Vulkans

Traumjobs am Kawah Ijen: #1 – Lambo-Fahrer

Stell dir vor, du schleppst dich keuchend einen steilen Vulkanpfad hinauf, Schweißperlen rinnen dir den Rücken runter, und plötzlich zieht ein „Lamborghini“ an dir vorbei. Nein, kein italienischer Supersportwagen – der „Lamborghini“ am Kawah Ijen ist ein schmaler Stuhl auf Rädern, gezogen von Männern mit Waden aus Stahl und einem Lächeln, das mehr erzählt als tausend Reiseführer. 😅

Auf unserem Aufstieg zum knapp 2600 Meter hohen Vulkan (mehr dazu hier …), begegnete mir diese skurrile Form des Personentransports zum ersten Mal. „Sportwagen gefällig?“, rief mir ein Mann zu, während er auf sein notdürftig zusammengeschweißtes Gestell zeigte. Zugegeben, der abgewetzte Sitz lächelte mich quasi an, so kaputt war ich. „Ein echter Lamborghini, nur 100 Euro für die Fahrt nach oben!“ Na, wenn das kein Schnäppchen ist!

Die PS-starken „Sportwagen“ des Kawah Ijen

Der sogenannte „Lambo“ des Kawah Ijen kommt ganz ohne Benzin aus, dafür mit reichlich Manneskraft. Statt Hubraum gibt’s hier MS – Mannstärke! Ausgestattet mit 2 Beinen und einer ordentlichen Portion Ausdauer, bringen diese menschlichen Taxis Touristen auf den Gipfel. Bequem gepolstert, mit zwei Bremsen (den eigenen Füßen) und komplett airbag- und gurtfrei. Luxus pur, wenn man bedenkt, dass die Alternative das eigene Klettern ist.

Ist der „Fahrer“ etwas schwächer auf den Beinen, ruft er mal eben Verstärkung herbei. Dann schieben und ziehen bis zu drei Männer gemeinsam einen einzelnen Passagier den steilen Pfad hinauf – eine Strecke, bei der selbst ich als halbwegs trainierter Wanderer mehrmals an meine Grenzen stieß.

Ein Sportwagen

Zwischen Verständnis und Kopfschütteln

Für ältere Menschen oder Personen mit körperlichen Einschränkungen ist dieser Service goldwert. Der Weg auf den Kawah Ijen ist kein Spaziergang im Park – er ist steil, rutschig und die dünne Luft macht selbst Fitnessfreaks zu schaffen.

Was mich allerdings zum Kopfschütteln brachte: Junge, kerngesunde Touristen, die mit zwei Smartphones bewaffnet im Tragestuhl lümmeln, während drei Männer sich für sie abschuften. An einem besonders steilen Abschnitt beobachtete ich eine Szene, die mich zwischen Fassungslosigkeit und unterdrückter Wut schwanken ließ: Eine junge Dame dirigierte ihre „Chauffeure“ mit energischen Handbewegungen, während sie gleichzeitig versuchte, das perfekte Selfie zu schießen. „Bisschen nach links, damit der Kratersee im Hintergrund ist!“

Unser Mitreisender konnte sich nicht zurückhalten und rief ihr zu: „Schämen Sie sich eigentlich gar nicht?“ Die knappe Antwort kam prompt: „I pay for it!“ (Ich bezahle dafür!) Na ja, technisch gesehen stimmt das. Aber manchmal ist die Frage nicht, ob wir etwas können, sondern ob wir es sollten … 🤔

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Traumjobs am Kawah Ijen: #2 – Schwefelträger

Während die „Lamborghini-Fahrer“ schon einen erstaunlich harten Job haben, sind sie noch die Leichtgewichte verglichen mit den wahren Helden des Kawah Ijen: den Schwefelträgern.

Schwerstarbeit hoch zwei – Die Schwefelträger

Stell dir den härtesten Job vor, den du kennst. Multipliziere ihn mit zehn. Du bist immer noch nicht in der Nähe dessen, was diese Männer täglich leisten.

Der Arbeitstag eines Schwefelträgers beginnt damit, dass er mit leeren Körben den Vulkan erklimmt – 3,5 Kilometer und 600 Höhenmeter. Schon das allein würde als Workout für eine Woche reichen. Aber für diese Jungs ist das nur das Aufwärmen.

Am Kraterrand angelangt, steigen sie in die Schwefelmine hinab, die direkt am türkisfarbenen (und hochgiftigen) Kratersee liegt. Mit einfachsten Werkzeugen – Säge, Hammer, Messer – bauen sie den schwefelgelben Rohstoff ab und packen ihn in ihre Körbe. Dabei achten sie akribisch darauf, dass beide Körbe exakt das gleiche Gewicht haben – nicht aus Perfektionismus, sondern weil jedes Gramm Ungleichgewicht ihnen auf dem Rückweg das Genick brechen könnte. Buchstäblich.

Mit 70 bis 90 Kilogramm (!) Schwefel auf den Schultern treten sie dann den Rückweg an – zuerst 100 Höhenmeter zurück zum Kraterrand, dann den steilen, oft glitschigen Pfad hinunter. Ich bin mehrmals fast auf dem Hintern gelandet – und das ohne jede Last.

Am Ende dieser Tortur erhalten sie laut Guide knapp 10 Euro pro Lieferung. Da man damit kaum eine Familie ernähren kann, machen die meisten diese mörderische Tour zwei-, maximal dreimal täglich.

DAS ist harte Arbeit! Und plötzlich erscheint der „Lamborghini-Service” in einem ganz anderen Licht …


Schwefel Minenarbeiter

Schwefel, Schweiß und Gesundheitsrisiken

Was ich bei meinem Besuch nicht sofort sah, aber später recherchierte: Die Gesundheitsrisiken für die Schwefelarbeiter sind enorm. Die beißenden Schwefeldämpfe greifen Lunge, Augen und Haut an. Die meisten Arbeiter haben nur ein feuchtes Tuch als „Schutzmaske“ – ungefähr so wirksam wie ein Regenschirm bei einem Tsunami.

Die Folgen sind verheerend: chronische Atemwegserkrankungen, Lungenödeme, blutiger Auswurf. Dazu kommen die körperlichen Schäden durch das Tragen dieser enormen Lasten – kaputte Knie, zerstörte Rücken, vorzeitig verschlissene Gelenke. Die Lebenserwartung dieser Männer liegt bei etwa 45 bis 50 Jahren – deutlich unter dem indonesischen Durchschnitt.

Kein Wunder, dass einige von ihnen auf den Tourismus-Transport umgestiegen sind. Ein „Lamborghini-Fahrer“ zu sein mag anstrengend sein, aber es ist definitiv gesünder und oft lukrativer als das Schwefelschleppen.


abgebauter Schwefel
abgebauter Schwefel, kein reiner Schwefel

abgebauter Schwefel
Körbe voller Schwefel

Das große Bali-Dilemma

Hier kommt der wirtschaftliche Kontext ins Spiel: In Indonesien, besonders auch auf Bali, hängt fast alles am Tourismus. Etwa 25 % der Arbeitskräfte sind direkt im Tourismus beschäftigt, weitere 55 % werden indirekt davon unterstützt.

Als die Pandemie den Tourismus zum Erliegen brachte, war die Katastrophe vorprogrammiert. Keine Touristen bedeutete keine Arbeit. Keine Arbeit bedeutete kein Essen. So einfach und so brutal war die Gleichung.

In diesem Licht betrachtet, erscheinen die Traumjobs am Kawah Ijen und damit auch der Transport-Service am Kawah Ijen nicht mehr nur als eine Dienstleistung für faule Touristen, sondern als ein Überlebensmechanismus in einer wirtschaftlich prekären Region. Die Männer haben eine Marktlücke gefunden und füllen sie – mit purer Muskelkraft und erstaunlicher Ausdauer.

Von Lamborghinis und Lektionen

Mein Kawah Ijen-Abenteuer hat mir mehr beigebracht als nur etwas über Vulkane und (nicht vorhandene 🙄) blaue Flammen. Es hat mir gezeigt, wie unterschiedlich unsere Realitäten sein können und wie Privilegien unsere Perspektive formen.

Was für mich zunächst wie eine absurde Touristenfalle aussah – „Echte Lamborghinis am Vulkan! Nur 100 Euro!“ – entpuppte sich als Fenster in eine komplexe wirtschaftliche und soziale Realität.

Ich entschied mich, meinen „Lamborghini“ selbst zu fahren – sprich, auf meinen eigenen zwei Beinen zum Gipfel zu klettern. Es war schweißtreibend, anstrengend und an manchen Stellen wünschte ich mir tatsächlich einen Transportstuhl. Aber das Gefühl, es aus eigener Kraft geschafft zu haben, war unbezahlbar. Genau wie der Respekt, den ich für die Männer empfand, die diesen Weg täglich mehrfach gehen – mit oder ohne Touristenfracht.

Was du mitnehmen kannst

Wenn du jemals den Kawah Ijen besuchst (was ich dir wärmstens empfehle – die blauen Flammen und der türkisfarbene See sind wirklich spektakulär), denk daran:

  1. Der Aufstieg ist anstrengend, aber machbar. Pack gute Schuhe ein und nimm dir Zeit.
  2. Bring eine richtige Atemmaske mit, wenn du in die Nähe des Kraters willst. Die Schwefeldämpfe sind kein Spaß.
  3. Respektiere die Arbeiter – egal ob Schwefelträger oder „Lamborghini-Fahrer“. Ein freundliches Lächeln und ein paar Worte Anerkennung kosten nichts.
  4. Wenn du körperlich dazu in der Lage bist, versuch den Aufstieg selbst zu bewältigen. Deine Waden werden fluchen, aber dein Herz wird es dir danken.
  5. Falls du doch einen Transport brauchst, bezahle fair und behandle die Männer mit Respekt. Sie sind keine Lasttiere, sondern Menschen, die einen verdammt harten Job machen.

Der Kawah Ijen hat viele Gesichter – atemberaubende Natur, harte Arbeitsbedingungen, findiger Einfallsreichtum und der ständige Balanceakt zwischen Tradition und Tourismus. Für mich war es eine Lektion in Demut, Respekt und Perspektivwechsel – verpackt in ein schweißtreibendes Abenteuer mit einer Prise Schwefelgestank. 🌋

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